Fachtagung 2019

15 Jahre UFW: Bibiana Steinhaus gewährt Einblicke in ihre Schiedsrichter-Seele

Eigentlich ist Fußball einfach. Der Ball ist rund und das Runde muss ins Eckige. Wie komplex ein Bundesliga-Spiel für einen Schiedsrichter respektive eine Schiedsrichterin abläuft, darüber gab Bibiana Steinhaus als Gast des Ulmer Forum für Wirtschaftswissenschaften (UFW) e.V. einige interessante Einblicke: Rund 300 Entscheidungen gilt es in 90 Minuten zu treffen, oft in Bruchteilen von Sekunden. Die 40-jährige Schiedsrichterin ist die einzige Frau, die ganz oben in der Männerdomäne Profifußball pfeift, was zugleich Grund der Einladung war. Umschrieben war das Thema des Gastvortrags zum 15-jährigen UFW-Jubiläum nämlich mit „Frauen in Führungspositionen“. Aber natürlich ging es auch um Fußball.

Ob eine Frau in gleicher Position mehr leisten muss als ein Mann, war eine der aufkommenden Fragen. „Mit Sicherheit nicht weniger“, lautete die Antwort von Steinhaus. Dies unterstrich bei der anschließenden Podiumsrunde auch die UFW-Vorsitzende Prof. Dr. Brigitte Zürn, die selbst in leitender Position als Geschäftsführerin der Horntreuhand GmbH in Ulm tätig ist. Mit 18 Prozent liegt der Anteil der weiblichen Professoren an der Universität Ulm aktuell noch deutlich unter dem baden-württembergischen Landesschnitt, musste Uni-Präsident Prof. Michael Weber einräumen. Nicht ausschließlich, aber einer der Gründe ist mit Sicherheit auch die Familienplanung Welchen Preis zahlt man für eine solche Karriere? Neun Jahre war Steinhaus schon in der zweiten Bundesliga im Einsatz als sie sich selbst ein Ultimatum setzte. „Dieses eine Jahr noch, wenn ich es dann nicht in die erste Liga schaffe, höre ich auf“, und sie hat es schließlich geschafft! Kurz fiel die Antwort aus, wie oft sie schon beleidigt oder sexistisch angegangen wurde: „Glauben Sie mir, es gibt nichts, was ich hier nicht schon erlebt habe!“

Steinhaus betont immer wieder, dass sie sich in ihrem Schiedsrichter-Amt nicht immer wieder auf ihr Geschlecht reduziert sehen will: „Der Leistungstest ist der gleiche wie bei den Männern“. Das heißt, wer den Fitnessstandard nicht erfüllt, ist raus. Gleichwohl weiß sie, dass bei ihrer Person natürlich mit allen Klischees und Vorurteilen gespielt wird, so auch an diesem Abend im Ulmer Congress Centrum vor 130 geladenen Gästen. Und so ging sie selbst in die Offensive, um in der Fußballsprache zu bleiben. „Wie hätten Sie entschieden?“, sprach sie die Geschichte mit Bayern-Star Franck Ribery an, der einmal ihre Schnürsenkel öffnen wollte, „Rot, Gelb oder mit Humor nehmen?“ Alle drei Entscheidungen wären richtig gewesen. Steinhaus hatte sich dafür entschieden, es gelassen zu sehen und wegzulächeln. Wie die Entscheidung heute aussähe? „Mit Sicherheit kommt heute kein Spieler mehr auf eine solche Idee, egal ob bei einem männlichen oder weiblichen Unparteiischen“, konterte die Schiedsrichteri n, die nach wie vor in Teilzeit arbeitet. Die Polizeihauptkommissarin ist im niedersächsischen Innenministerium tätig. Aus ihrer Polizeidienstzeit kennt sie auch die andere Seite des Fußballs und stand folglich schon zwischen rivalisierenden Fangruppen.

Mit „Respekt“ geht sie in jede Begegnung und erwartet, dass dieser ihr gegenüber auch von den Spielern entgegengebracht wird, mit denen sie nach eigener Aussage „klar kommuniziert“. Der Höhepunkt ihrer Karriere war übrigens kein Männerspiel, sondern das Finale der Frauen-Fußball-WM in Deutschland 2011 zwischen Japan und den USA. Eine Partie, die im Iran genauso wenig gezeigt wurde, wie eine Bundesliga-Begegnung mit dem FC Bayern, die vom dortigen Fernsehen abgesetzt wurde, weil Steinhaus hier pfiff. Zuviel nackte Haut war die Begründung, Frauen mit kurzen Hosen gehen für die religiösen Hardliner dort gar nicht. Diese Zensur zeigt, dass es nicht nur im Fußball mit der Gleichberechtigung weltweitnoch nicht weit her ist. „Gleiche Chancen für alle Menschen, egal welches Geschlecht, welche Hautfarbe, Religion oder sexuelle Orientierung sie haben“, lautet der beklatschte Appell von Steinhaus. Und so fiel ihre letzte Antwort auf die Frage, ob ihr eine Anfrage des Männermagazins Playboy vorliegt, humorvoll und dennoch mit einem deutlichen Seitenhieb an die schmunzelnde anwesende Männerwelt aus: „Es gibt im Playboy hinten auch eine Interviewseite … aber offensichtlich haben noch nicht alle so weit geblättert“.

Der Vortrag und die Podiumsrunde mit Bibiana Steinhaus bildeten den Mittelpunkt des Festabends zum 15-jährigen Bestehen des Ulmer Forum für Wirtschaftswissenschaften (UFW) e.V.. Die Vorsitzende Frau Professor Brigitte Zürn dankte zuvor allen Mitgliedern, Förderern und Sponsoren für ihr Engagement. Einen Einblick in die Fakultät für Mathematik und Wirtschaftswissenschaften gab Herr Professor Kai-Uwe Marten, während Herr Professor Mischa Seiter über die Digitalisierung in diesem Fachbereich kurz referierte. Über die Neugründung des Instituts für Data Science & Analytics, kurz DASA, berichtete Herr Professor Reinhold von Schwerin.

Fotos: Carola Gietzen

Text: Andreas Schales

Zum Bericht der Südwest Presse